Text zu Sokal

Liebe Mitdenker*innen!

Natürlich hätte ich mir am 27.04. eine Verständigung auf dem Vorplatz der Kirche – das Wetter war ja sehr gut – vorstellen können. Jeweils mit einem Abstand von 2 m. Doch so geheuer war mir das dann doch nicht. Und geheuer ist mir Corona auch nicht. Von daher war es ratsam, auch im Sinne einer Vorbildfunktion, die Veranstaltung ausfallen zu lassen. Dies war auch schon der Gedanke in der E-Mail vom 11.04.

Zu Sokal gab es Rückfragen. Es war ein Skandal in den Jahren um 1996f. (Ich füge zur Erstinformation mal einige Wikipedia-Zeilen auf.) Die Angelegenheit war handfest, da es die Qualität der Gutachterwelt berührte; und natürlich auch die Beziehung von Geistes- und Naturwissenschaften. Darüber hinaus wurde im Geflecht von T. S. Kuhn die Beziehung von Naturwissenschaft und postmodernen Denkansätzen (inkl. Genderdiskussionen, Ökologie und alternativer Medizin) thematisiert. Die unpräzise Übernahme naturwissenschaftlicher Begriffe und Modellvorstellungen wollte Sokal bloßstellen. Die Thematik berührt aber auch die naturwissenschaftlichen Ansätze selbst. Dort treten Begriffe wie Emergenz, Quantenschaum, ›Tunnelung‹, Verschränkung, Wechselwirkungen … auf, die von der mathematischen Seite her nicht immer klar erfasst und gedeckt sind. (Selbst auf der basalen Ebene der Mechanik (›Ruhemasse‹, ›träger Masse‹, ›schwerer Masse‹, ›Kraft‹, ›Trägheit‹) gibt es in der Physik viele rätselhafte und bis heue definitiv nicht geklärte Fragen.) Das Problem ist, die mathematischen Ausdrücke sachgerecht zu erfassen und philosophisch zu interpretieren. Dies rührt an den aktuellen Realismus-Diskussionen. (Bitte denken Sie an unsere Verständigungen zu Schnädelbach und Nagel ( ›Das letzte Wort‹), in denen es auch um die Beziehung von Realismus und Naturalismus ging. Heisenberg selbst hatte dies ja ( ›Der Teil und das Ganze‹) über einen Bezug auf die ›platonischen Körper‹ lösen wollen. Jedoch zeigt sich uns damals schon, dass diese Lösung keine zureichende Qualität besitzt. Es endete quasi in einem Symbolismus, den wir übrigens auch bei Paul Tillich ( ›Wesen und Wandel des Glaubens‹ bzw. auch in  ›Der Mut zum Sein‹) finden. All dies ist gar nicht zu Ende diskutiert.)

Die aktuellen Diskussionen zu Corona sind selbst auch zum Teil Ausdruck einer begrifflichen und methodischen Suche (bzw. ›Verwirrung‹). Die sozialpolitischen Maßnahmen kommen mit ihren Begründungsproblemen dazu. In diesem Zusammenhang sollte der Hinweis auf Sokal eine Anregung darstellen. Wir werden uns dann wiedersehen können, wenn für den einzelnen Menschen keine Gefährdung mehr existiert. Das ist für mich derzeit aber nicht absehbar. Ein Risiko höherer Art sollten wir vermeiden. (Corona stellt sich auch als eine neurologische Erkrankung heraus. Und die eigentlichen Wirkzusammenhänge (also im Sinne einer notwendigen Kausaltheorie) und Folgen sind noch nicht abschätzbar.)

Es ist eine spannende (aber auch gefährliche) Zeit. Bleiben Sie gesund, munter und zuversichtlich!

Mit besten Grüßen Ihr Carsten Rathgeber